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Das Amerika Haus Frankfurt im Wandel der Zeit, 1946-1996

Re-education und Pionierarbeit

Am 26. März 1945, einem Montag, rücken die amerikanischen Truppen von Süden her nach Frankfurt ein. Sie marschieren über die Wilhelmsbrücke, die heutige Friedensbrücke; bald sind strategische Kernpunkte wie das Bahnhofsviertel und der Westhafen in ihrer Hand, Sachsenhausen, Niederrad werden besetzt - der Kreis schließt sich unaufhaltsam um die Stadt. Nur drei Tage später kann der amerikanische Sender Radio Luxemburg die totale Kapitulation der einstigen Mainmetropole melden.Fachwerkhäuser und Gebäude aus der Gründerzeit liegen in Schutt und Asche, die Altstadt ist vernichtet, gut 50 Prozent des Wohnraums sind zerstört - der Atem der Stadt steht für einen Augenblick still. Die amerikanischen Besatzungstruppen zögern nicht. Im beinahe unversehrten IG-Farben-Hochhaus werden die European Headquarters eingerichtet. Frankfurt wird damit zu einem der Zentren amerikanischer Präsenz in Deutschland.

Die Militärregierung verwaltete die Stadt jedoch schon bald nicht mehr mit den von vielen Deutschen gefürchteten Repressionen einer Besatzungsmacht, sondern sah, so eine Anweisung aus dem Jahr 1947, nach dem Sieg ihre Hauptaufgabe darin, "to foster the assimilation of the German people into the society of peaceful nations".

Das Konzept der umfassenden Re-education, der Umerziehung einer vom Nationalsozialismus indoktrinierten Bevölkerung, war "integral part of policies intended to help develop a democratic form of government", wie es die Besatzungsdirektive JCS 1779 bestimmte. Lag der Schwerpunkt der Re-education zuerst auf Politik und Verwaltung, so erkannte man sehr schnell, daß auch und besonders das kulturelle Leben in die Umerziehungs- und Demokratisierungsmaßnahmen einbezogen werden müßte. Aus den sogenannten ‘reference libraries', die ursprünglich einzig für U.S.-Militär und -Personal gedacht waren, entwickelten sich daraufhin binnen kurzer Zeit Information Centers, die zukünftigen Amerika Häuser, die in den Jahren 1946/47 offiziell Teil des amerikanischen Re-education-Programms wurden. Anfangs der Psychological Warfare Division unterstellt und unter Aufsicht der Landesmilitärregierung, übernahm Ende der vierziger Jahre die Information Control Division der amerikanischen Militärregierung (OMGUS) die Verantwortung für Einrichtung, Organisation und Erhalt der Amerika Häuser. Der Name "Amerika Haus" war allerdings keine Wortschöpfung der amerikanischen Militärregierung, sondern das Ergebnis einer Umfrage unter den deutschen Besuchern der Lesesäle und Veranstaltungen, die sich gegen ungewohnte englische Begriffe wie "United States Information Center" oder "American Library" aussprachen.

Bis 1949 fielen die Amerika Häuser in den Verantwortungsbereich der Militärregierungen der amerikanischen Besatzungszone. Bis 1951 unterstanden sie dem Office of the U.S. High Commissioner und bis 1953 dem Außenministeriums unterstanden. Danach wurden sie Teil der neugegründeten United States Information Agency (USIA).

Nach einem verheerenden Krieg, nach einer doktrinären nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik glich Deutschland einer kulturellen Wüste. Seit zwölf Jahren hatte es keine demokratische Öffentlichkeit mehr gegeben. Die für den Aufbau eines demokratischen Staates erforderliche Infrastruktur war größtenteils zerstört, private und öffentliche Bibliotheken sowie andere Kulturinstitutionen lagen in Trümmern. Frankfurts Stadtbibliothek, einst Monument eines freien und aufgeklärten Bürgertums, war bis auf die Grundmauern zerstört, nur ihr Portikus stand über dem Schutt wie ein Mahnmal. Von etwa 500.000 Büchern konnte lediglich die Hälfte gerettet werden. Große Verluste waren zuvor schon durch die Bücherverbrennungen der Nazis zu beklagen gewesen. In der Universität lag die Lehre brach. Presse- und Verlagsarbeit warteten auf die Neuorganisation durch die Amerikaner. Öffentliches Leben und demokratische Öffentlichkeit mußten wiederhergestellt und gefördert werden. Eine der zentralen und ersten Aufgaben der Re-education-Maßnahmen wurde dementsprechend in der Bereitstellung von Informationsmaterial gesehen. Die zu diesem Zweck von den amerikanischen Behörden eingerichteten Bibliotheken bildeten die Keimzellen der Amerika Häuser, die dann bald zusätzliche Aufgaben in der Kultur-, Bildungs- und Informationspolitik übernahmen. Die politischen Ziele der Amerika Häuser im Rahmen der Re-education umfaßten die Verbreitung von Information über die USA als Welt- und Kulturmacht, die Demokratisierung der Bevölkerung und der staatlichen Strukturen West-Deutschlands, die westdeutsche Einbindung in das westliche Bündnissystem und den Eintritt für ein vereintes und freies Europa.

In Frankfurt öffnete der erste amerikanische Leseraum im November 1945. Die "American Library" fand ihren Platz im Keller des von Brandbomben schwer beschädigten Börsengebäudes und teilte sich die Räumlichkeiten mit der schon im September wiedereröffneten Börse und den städtischen Bühnen. Vorläüfer dieser kleinen Bibliothek waren in Marburg und in Bad Homburg eingerichtet worden. In Bad Homburg hatte schon am 4. Juli 1945 die erste "Information Center Unit" in der alten Kurvilla geöffnet und Informationsmaterial und Lesestoff für U.S.-Personal und streng ausgesuchtes deutsches Publikum angeboten. Das Experiment verlief im Prinzip sehr erfolgreich, doch stellte sich der Sitz im Taunus schnell als nachteilig heraus. Der kleine Lesesaal lag zu weit außerhalb Frankfurts, war dadurch schlecht erreichbar und von geringer Breitenwirkung. In der Frankfurter Börse konnten nun rund 3.000 Bücher und 100 amerikanische Zeitschriften, darunter das begehrte LIFE-Magazine, ausgelegt werden. Knapp einen Monat nach Eröffnung nannten schon 350 deutsche Benutzer einen Leserausweis ihr eigen.

Das enorme Publikumsinteresse erforderte im März 1946 den Umzug in das Gebäude der Chase National Bank in der Taunusanlage 11, wo am 22. Mai die offizielle Eröffnung des Amerika Hauses Frankfurt stattfand. William C. Headrick, Professor für Soziologie aus New York, der schon in Bad Homburg die Buchbeschaffung koordiniert hatte, wurde zum ersten Direktor des Hauses ernannt. Doch auch im neuen Gebäude wurde es bald zu eng. Im April 1948 erfolgte der Umzug in eine gegenüberliegende Villa in der Taunusanlage 12, dem heutigen Standort der Zentrale der Deutschen Bank. Knapp sechs Jahre später, im März 1954, zog das Amerika Haus in das ehemalige Gebäude des amerikanischen Generalkonsulats in der Bockenheimer Anlage 11. Wenig später wurde mit großer Unterstützung durch den damaligen Oberbürgermeister Walter Kolb mit der Planung eines Neubaus begonnen. Ein Grundstück fand sich im Frankfurter Westend, am nördlichen Rand des Rothschildparks. Am 7. Mai 1957 betraten die ersten Besucher das neue Amerika Haus in der Staufenstraße 1, das sich in moderner Zweckbauweise, mit klarem Grundriß, Flachdach und großen Fensterflächen präsentierte. Das damals vielbeachtete und heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude war von dem amerikanischen Architektenteam Skidmore, Owens und Merrill in Zusammenarbeit mit dem deutschen Architekten Otto Apel entworfen worden. Neben der großen Bibliothek, Seminar- und Verwaltungsräumlichkeiten umfaßte es einen Saal mit Bühne, der für Konzerte, Theateraufführungen, Vorträge und Filmvorführungen genutzt wurde. Auch ein Fotolabor gehörte zur Ausstattung.
Die Bibliothek, gerade in den ersten zwei Jahrzehnten das Herzstück der Amerika Häuser, war in Frankfurt über die Jahre stetig angewachsen. Hatte der Lesesaal in Bad Homburg lediglich 700 Bände aus Armeebeständen und privaten Sammelaktionen in den USA umfaßt, so war das Frankfurter Haus im Jahr 1954 mit 35.000 Bänden bestückt. Dazu kam eine umfassende Sammlung von Zeitschriften, Schallplatten und Tonbändern. Im Jahr 1957 enthielt das Filmarchiv über 400 Dokumentarfilme. Ganz neu für die deutschen Bibliotheksbenutzer war die Präsentation der Bücher im Freihand-System. Ohne besondere Genehmigung der Bibliothekarin, betonte der verwunderte Autor eines Zeitungsberichtes, durften die Benutzer die Bücher aus den Regalen entnehmen und darin schmökern. Leserausweise gab es kostenlos, maximal fünf Bücher durften für zwei Wochen ausgeliehen werden. Angesichts des großen Nachholbedarfs und Hungers nach jeder Art von Wissen würdigte der Frankfurter Oberbürgermeister Willi Brundert die Bibliothek im Rückblick als "essential element in the beginning of new cultural life".

An die Amerika-Haus-Bibliotheken, die sich vornehmlich in den Großstädten befanden, waren in kleineren Städten Leseräume angeschlossen. Außerdem waren zahlreiche Autobüchereien im amerikanischen Sektor unterwegs. Bis etwa 1952 versorgten diese bookmobiles die ländlichen Gegenden, wo die Lust auf Lesestoff bei allen Altersgruppen nicht weniger ausgeprägt war. Sie fuhren unter dem Namen des Amerika Hauses, die Verantwortung für ihre Ausstattung lag jedoch direkt in Washington. In den ersten Jahren nach Kriegsende trugen die bookmobiles entscheidend zum positiven Image der Amerikaner bei. Sie standen für die direkte und unkomplizierte amerikanische Kulturarbeit, die ein Besucher in einer Umfrage der Amerika Häuser 1954 so darstellte: "If Germans were to take over, red-tape would rule everywhere. Now everything is so casual, and that's why people feel at home in the premises [of the Amerika Haus]. Only Americans can create such an atmosphere."

Jede Autobücherei enthielt etwa 4.000 Bücher und Filme im Freihandsystem. Die Kataloge verzeichneten Titel wie Buffalo Bill, Bambi, Das Atom: Endlich verständlich!, USA: Die permanente Revolution und Hier stehe ich: Das Leben Martin Luthers. Die bookmobiles hielten sich etwa alle zwei bis vier Wochen für zwei bis drei Stunden an den einzelnen Stationen auf. Bisweilen gab es eine kleine Ausstellung im Inneren des Kastenwagens zu sehen.


Bildungshunger und Amerikabegeisterung

"Window to the West", der Name der kleinen Bibliothek, die gleich nach dem Krieg in Marburg entstand, versinnbildlichte die Schlüsselfunktion aller Amerika Häuser. Zu einem anderen Bild griff ein Besucher kurz nach dem Krieg in Anspielung darauf, daß die Bibliothek einer der wenigen beheizten Orte in Frankfurt war: "Ja, ich will mich hier aufwärmen. Aber vor allem will ich meinen Geist hier aufwärmen. Zehn Jahre lang waren wir von der Welt abgeschnitten!"

Unmittelbar nach dem Krieg nahm das Amerika Haus geradezu eine kulturelle Monopolstellung ein und bewahrte seine herausragende Position bis hinein in die sechziger Jahre. Die Besucher rekrutierten sich aus allen sozialen Schichten, wobei die gebildete Schicht und junge Leute die "priority target groups" des Programms darstellten. Vor allem Studenten, aber auch Professoren, fanden hier ideale Arbeitsbedingungen, als es an der wiedereröffneten Universität noch an Studierplätzen und Büchern mangelte. Die ersten Bestände der Bibliothek setzten sich zu rund 50 Prozent aus technischen und wissenschaftlichen, besonders sozialwissenschaftlichen und historischen Werken zusammen. Eine Studentin berichtete, daß sie im Amerika Haus die gesamte Literatur vorfand, die sie für ihr Medizinstudium benötigte - "und noch dazu kostenlos". Eine Ärztin bemerkte rückblickend: "Ohne das Amerika Haus hätte ich nicht studieren können." Zum zwanzigjährigen Jubiläum prägte die Frankfurter Allgemeine Zeitung die griffige Formulierung von der "heimlichen Hochschule an der Staufenstraße".

Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich gern an den überwältigenden Publikumszuspruch und an die familiäre Atmosphäre unter Mitarbeitern und Besuchern. Mitte der fünfziger Jahre besuchten jeden Monat etwa 40.000 Personen das Amerika Haus. Hier beschäftigt zu sein, oder ganz allgemein zur deutsch-amerikanischen community zu gehören, war mit hohem Prestige verbunden. Der jährliche deutsch-amerikanische Ball mußte wegen des großen Zuspruchs einmal sogar in den Palmengarten verlegt werden, da die üblichen Räumlichkeiten nicht ausreichten.

In den vierziger und fünfziger Jahren bot das Amerika Haus Aktivitäten in allen kulturellen Bereichen. "We were the only real community center in Frankfurt", meinte Hans N. Tuch, Direktor des Amerika Hauses von 1949 bis 1955, im Rückblick. Tuch war neben William C. Headrick und Robert C. Goodell, der sich um die Etablierung und Pflege zu anderen Kulturinstitutionen in Frankfurt und der Universität besonders verdient machte, einer der wichtigsten Direktoren der ersten Jahrzehnte. Vornehmlich engagierte er sich für die Erweiterung des Veranstaltungsspektrums.

Besonders stark war das Interesse an amerikanischer Literatur. Neben der Wiederentdeckung von Autoren wie Herman Melville, Walt Whitman und Mark Twain standen besonders die Vertreter der ‘klassischen Moderne' im Mittelpunkt. Die Veranstalter der regelmäßig stattfindenden discussion groups erinnern sich noch heute an den enthusiastischen Zuspruch für Autoren wie Thomas Wolfe, Ernest Hemingway, William Faulkner, John Steinbeck, und Thornton Wilder. Durch deutsche Übersetzungen, insbesondere Rowohlts preiswerte Rotations-Romane, erreichten sie schon Ende der vierziger Jahre ein Massenpublikum. Aber auch populäre Romane wie Margaret Mitchells Gone With the Wind wurden in der Bibliothek des Amerika Hauses Frankfurt zu Ausleihe-Rennern.

Als Grundlage für die englischen discussion groups dienten erschwingliche Taschenbücher, die entweder aus Armeebeständen stammten oder als Spende aus den Vereinigten Staaten geschickt wurden. Die Nachfrage nach amerikanischer Literatur war so groß, daß von 100 Personen, denen vor dem Treffen einer discussion group ein Buch kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, etwa 80 erschienen, um engagiert die gelesene Literatur zu diskutieren. Häufig waren es ehemalige Teilnehmer der Englischkurse im Amerika Haus, unter ihnen zum Beispiel der Verleger Siegfried Unseld, die an den Diskussionen teilnahmen. Die Popularität der modernen amerikanischen Literatur stieg nochmals enorm durch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Faulkner, Hemingway und Steinbeck in den Jahren 1950, 1954 und 1962.

Besonders beliebt war Thornton Wilder, der mit dem hoffnungsvollen, zuversichtlichen Grundtenor seines dramatischen Werks - vor allem mit Unsere kleine Stadt und Wir sind noch einmal davongekommen - in kürzester Zeit zum gefeierten Idol der deutschen Nachkriegszeit wurde. Im Jahre 1947 wurde ihm in Frankfurt der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen; Fritz Rémond inszenierte sein Bühnenstück Unsere kleine Stadt für die Städtischen Bühnen mit Siegfried Lowitz in einer der Hauptrollen. Eine besondere Attraktion stellte daher der Besuch von Thornton Wilder im Jahr 1954 dar, der auf Einladung des Amerika Hauses in der überfüllten Aula der Universität das Publikum mit seinem Vortrag "Sechs Fragen über Amerika und meine Antwort" begeisterte. Generell kam amerikanischen Dramen in den Spielplänen der Frankfurter Theater bis in die sechziger Jahre hinein eine herausragende Rolle zu. Eugene O'Neills Trauer muß Elektra tragen gleich nach dem Krieg und Tennessee Williams' Katze auf dem heißen Blechdach 1957, oder auch Tod eines Handlungsreisenden von Arthur Miller waren allesamt Publikumsmagneten, die Amerika von einer bisher unbekannten Seite zeigten. Die allgemeine Theaterbegeisterung spiegelte sich im Amerika Haus in den Aufführungen einer eigenen Theatergruppoe wider.

Vor allem in der Frühzeit beschränkte sich das Amerika Haus nicht auf die Präsentation amerikanischer Künstler und Themen. Auch vom Nazi-Regime unterdrückten und verfolgten Schriftstellern, Künstlern und Musikern wie Franz Kafka, Paul Klee und Paul Hindemith wurde ein Forum gegeben. Paul Hindemith war persönlich Gast des Amerika Hauses ebenso wie namhafte deutsche oder deutschsprachige Autoren wie Erich Fried, Günter Grass, Uwe Johnson, Martin Walser und Adolf Muschg. Zu Gast waren neben prominenten amerikanischen Vertretern aus Politik und Wirtschaft wie Edward Kennedy, Theodore Sorensen und Walter Reuther auch Persönlichkeiten des deutschen öffentlichen Lebens wie Willy Brandt, Heinrich von Brentano, Hildegard Hamm-Brücher, Georg Leber, Erich Mende, Walter Scheel und Helmut Schmidt, die zum Teil am Beginn oder in der Mitte ihrer politischen Karriere standen.
Heute ist es vielleicht nicht mehr so recht vorstellbar, daß sich im Amerika Haus Besucher trafen, um Schallplatten- oder Tonbandkonzerten zu lauschen. Tatsächlich aber bildeten diese Konzerte, etwa Mitschnitte von Aufführungen der Metropolitan Opera New York, einen wichtigen Aspekt des Musikprogramms. Darüberhinaus gab es aber auch eine große Anzahl an Live-Konzerten, dabei auch Aufführungen der hauseigenen Operngruppe. Vor allem amerikanischen Nachwuchskünstlern dienten Tourneen durch die Amerika Häuser als Karrieresprungbrett. Ende der sechziger Jahre etwa gab die damals noch weitgehend unbekannte Jessye Norman im Amerika Haus Frankfurt einen Liederabend mit amerikanischen Spirituals und Werken von Brahms und Wagner. Aber auch damals schon namhafte Ensembles wie das Boston Symphony Orchestra waren zu Gast. Im Jahr 1953 trat das Amerika Haus Frankfurt als Mitveranstalter des 1. Deutschen Jazz-Festivals auf. Jazzkonzerte gehörten seitdem zum festen Programmangebot des Amerika Hauses und trugen zu einer eigenständigen Frankfurter Jazz-Tradition bei. Wiederholt gastierten auch deutsche Musikergrößen wie Albert Mangelsdorff, der 1993 mit einem Geburtstagskonzert im Amerika Haus geehrt wurde. In zahlreichen Vorträgen versuchte das Amerika Haus, das Wissen um diese von den Nationalsozialisten verteufelte amerikanische Musikform zu erweitern. Daß Vorurteile gegenüber neueren musikalischen Strömungen erst noch abgebaut werden mußten, verraten Veranstaltungstitel wie "Wesen und Unwesen des Jazz" oder auch die Tatsache, daß eine Diskussionsrunde die Frage "Is ‘Rock ‘n Roll' really music?" zu beantworten versuchte. In starkem Kontrast zu der in Deutschland üblichen strikten Trennung von E- und U-Musik präsentierte das Amerika Haus bis heute eine unbefangene Mischung aus Klassik, Jazz, Country und Folk, aus Kammerkonzert, Liederabend und Live-Band-Konzert.
Ausstellungen bildeten eine weitere wichtige Aktivität des Amerika Hauses. Die Neugier auf moderne Kunst im allgemeinen und aktuelle amerikanische Kunst im besonderen war stark ausgeprägt. Auch hier hatten die Deutschen Nachholbedarf. Wegen knapper Geldmittel wurden die Kunstwerke teilweise nur in Reproduktionen gezeigt, ohne dem Publikumszuspruch dadurch Abbruch zu tun. Im Jahr 1958 präsentierte das Amerika Haus in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium Kulturelles Frankfurt Edward Steichens berühmte Ausstellung "The Family of Man", zu deren Eröffnung Max Horkheimer die einleitenden Worte sprach. Fünf Jahre später war auch die Porträtkunst des inzwischen legendären Fotografen zu sehen. In weiteren Kunstausstellungen zeigte das Amerika Haus unter anderem die Indianerbilder von George Catlin, naive Malerei von Grandma Moses oder "Moderne Druckgraphik aus den USA". Dazu kamen Ausstellungen zu den Themen Jazz, Architektur, Politik und Geschichte, wie etwa zur Amerikanischen Revolution. Politische Themen wurden darüberhinaus in zahlreichen Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen behandelt. Besonders für die Frankfurter Schulen erweis sich das außergewöhnliche Angebot der Filmbibliothek im Amerika Haus als hilfreich. Hier konnten Dokumentarfilme und Literaturverfilmungen ebenso ausgeliehen werden wie Filmprojektoren. Auf Bestellung fuhren Mitarbeiter die Filme bis in die sechziger Jahre übers Land und boten open-air-Kino.

Das umfangreiche Kinderprogramm machte das Amerika Haus für viele Nachkriegskinder zu einer Art Tagesstätte. Vor allem die Malkurse und das Kindertheater zogen die Kleinen in Scharen an. In der Theatergruppe führten Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis 16 Jahren mit viel Begeisterung nach zwei- bis dreimonatigen Proben zunächst Märchen und später auch selbstgeschriebene Stücke auf. Allein die Märchenkomödie Ali Baba von Gerhard Hölther kam zwanzigmal auf die Bühne des Amerika Hauses. Ähnlich erfolgreich war das Singspiel Der Traum vom Goldenen Dach, bei dem wie bei allen Stücken die gesamte Ausstattung vom Turban bis zur musikalischen Untermalung von Kindern und ihren Helfern hergestellt wurde. Auch eine Handpuppenbühne mit Kasperltheater gehörten zu den Betätigungsmöglichkeiten. Daß eine Ausstellung über Walt Disney nicht fehlen durfte, versteht sich fast von selbst. Sogar ein heute berühmter Frankfurter Künstler tauchte 1954 im Kinderprogramm des Amerika Hauses auf: Bernhard Schultze nannte damals seinen Malkursus "Spazierengehen in Farben".

Mit seiner breiten Angebotspalette richtete sich das Amerika Haus an alle Altersgruppen und sozialen Schichten, lange bevor das Motto "Kultur für Alle" des späteren Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann in den achtziger Jahren die Frankfurter Kulturpolitik zu prägen begann. Dem Konzept zugrunde lag der umfassende Charakter der amerikanischen Kultur, die immer neue Einwanderergruppen und durch die territoriale Expansion immer neue Regionen integrieren mußte. Im Gegensatz zur enggefaßten deutschen und europäischen Definition von Kultur umfaßte "culture" im amerikanischen Sinn alle menschlichen Betätigungsfelder ohne hierarchische Unterscheidung zwischen populärer und "hoher" Kultur.

Dementsprechend haben die Veranstaltungen des Amerika Hauses auch Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Industrie, Landwirtschaft, Technik, Wissenschaft und Medien abgedeckt. Dies waren Themen mit einer praktischen Nähe zu den Bewohnern einer zerstörten Stadt, die auch für eine Verbesserung ihrer elementaren materiellen Lebensverhältnisse arbeiteten.

Entsprechend einem Leitfaden für Mitarbeiter aus den vierziger Jahren, war das Amerika Haus Frankfurt bemüht, als Institution einer Siegermacht keine Überheblichkeit zu zeigen: "Do not make propaganda for America or Democracy. We avoid doing this, because to do it would cheapen our aim which is to represent all phases of life abroad, whether good or bad." Fragen der Rassenproblematik zum Beispiel gehörten von Anfang an zum Themenspektrum. Auch Intellektuelle wie Langston Hughes oder John Hope Franklin, die der amerikanischen Gesellschaft und Politik gegenüber extrem kritisch eingestellt waren, kamen zu Wort. Im Deutschland der späten vierziger und der fünfziger Jahre läßt sich ein herausragendes Charakteristikum der Rezeption Amerikas im allgemeinen und des Amerika-Haus-Programms im besonderen bestimmen. Die USA wurden wahrgenommen als das "Land der Moderne", als das Land, von dem die neuesten Trends ausgingen, ob auf künstlerischem, wissenschaftlichem, technologischem oder gesellschaftlichem Gebiet. Amerika, das war das tonangebende Land auf dem Feld der Literatur, das Land Hollywoods und des amerikanischen Traums. Amerika, das war das das Land des Farbfernsehens, der "Automation", der Wolkenkratzer, der Atomkraft, der Weltraumfahrt, kurz: des Fortschritts. Im Jahr 1957 besuchten etwa 170.000 Personen in nur vier Wochen die vom Amerika Haus organisierte Weltraumausstellung "Unbegrenzter Raum" auf dem Messegelände. Im Jahr 1969 versammelten sich zahlreiche Besucher im Amerika Haus, um die Mondlandung von Apollo 11 am Bildschirm zu verfolgen. Das moderne Amerika, das war auch Jazz, Rock ‘n Roll und natürlich Hollywood. In den Jahren 1953 und 1956 besuchte Gary Cooper Frankfurt und das Amerika Haus und wurde begeistert empfangen.

Selbst der Alltag schien in den USA moderner zu verlaufen als in Deutschland. Veranstaltungstitel wie "Autoland USA", "Das Haus im amerikanischen Leben", "Amerikanische Berufsbilder: Fensterputzer in New York", "Der Alltag der amerikanischen Frau ist anders", "Automation: Tatsachen und Träumereien", "What shall we do with our increased leisure time?", "Was bedeutet High Fidelity?" sprechen für sich. Den Glauben an Amerika als trend setter verdeutlichen auch die zahlreichen Veranstaltungen zum Thema amerikanische Pädagogik und Erziehungmethoden.

Nachdem sich der Kalte Krieg verschärft und Deutschland vom besiegten Kriegsgegner zum Verbündeten gewandelt hatte, wurde der Antifaschismus auch in der amerikanischen Informationspolitik vom Antikommunismus abgelöst.

Die neue politische Konstellation färbte auch auf die Programme des Amerika Hauses ab. Zum Programm gehörten nun auch Vorträge wie "Was hat der Westen dem Osten geistig entgegenzusetzen?"und "Der Westen ist moderner". Das Programmheft Oktober 1955 annoncierte unter der Überschrift "Bücher über den Kommunismus aus unserer Bibliothek" die Titel: The Country of the Blind: The Soviet System of Mind Control, The Struggle behind the Iron Curtain und Communism and Christ, für das folgendermaßen geworben wurde: "Hier wird der Kommunismus vom religiösen Standpunkt her analysiert. Der Autor hat vor kurzer Zeit seinen Beruf als protestantischer Geistlicher aufgegeben, um seine ganze Zeit der Bekämpfung des Kommunismus widmen zu können." Mehr als die Programminhalte wurde jedoch die Bibliothek für kurze Zeit von den antikommunistischen Aktivitäten des Senators Joseph McCarthy und des House Un-American Activities Committee erfaßt. Im Jahr 1953 kamen Roy Cohn, 25, und David Shine, 26, im Auftrag von McCarthy nach Europa und statteten dabei auch dem Amerika Haus Frankfurt einen Besuch ab. Sie kamen, wie sie sagten, um "Verschwendung und Fehlorganisation im amerikanischen Informationsprogramm zu studieren" und um zu untersuchen, ob sich in den Bibliotheken der Amerika Häuser tatsächlich, wie behauptet, kommunistische Literatur befände. Sie wurden fündig: Steinbeck und Shakespeare kamen auf ihren Index.


Zeitenwende: die sechziger Jahre

Im Laufe der sechziger Jahre veränderte sich die Rolle des Amerika Hauses Frankfurt im Kulturleben der Stadt. Mehr und mehr Kulturinstitutionen hatten Aufgaben übernommen, die ursprünglich fast ausschließlich vom Amerika Haus wahrgenommen worden waren. Bibliotheken, Museen, Galerien, Theater und Kinos waren wieder aufgebaut oder neu errichtet, die kulturelle Infrastruktur wieder intakt. Dazu kamen Kürzungen der für die amerikanische Informations- und Kulturarbeit zur Verfügung stehenden Finanzmittel. Der Trend zu Einsparungen hatte sich schon in den fünfziger Jahren bemerkbar gemacht. Je weiter die Bundesrepublik durch die Pariser Verträge und den NATO-Beitritt in den Westen eingegliedert wurde, desto mehr schwand die Notwendigkeit einer alles umfassenden amerikanischen Präsenz. Überhaupt war die westdeutsche Gesellschaft Anfang der sechziger Jahre schon so stark "amerikanisiert", daß das Amerika Haus seine Ausnahmestellung verlor. Amerikanische Musik gehörte zum Alltag, Kinos zeigten amerikanische Filme, Bibliotheken und Buchhandlungen boten ein reichhaltiges Spektrum amerikanischer Literatur an, und die Fernsehwerbung brachte Bilder vom American Dream in jedes Wohnzimmer. Auf politischem Gebiet wurde die Westintegration der Bundesrepublik von niemandem mehr in Frage gestellt. Der begeisterte Empfang für Präsident John F. Kennedy in Frankfurt am 25. Juni 1963 gab für die Amerikabegeisterung der deutschen Bevölkerung noch einmal ein beredtes Zeugnis ab. Im darauffolgenden Jahr erlebte das Amerika Haus einen riesigen Publikumsandrang aus Anlaß der "John F. Kennedy Library Exhibit", die im Gedenken an den ermordeten U.S.-Präsidenten veranstaltet wurde. Jacqueline Kennedy legte großen Wert darauf, die Ausstellung in Berlin und Frankfurt zu zeigen, wo ihr ermordeter Mann besonders herzlich empfangen worden war.

Bis weit in die sechziger Jahre sprach das Amerika Haus Frankfurt eine ausgesprochen Amerika-freundliche Bevölkerung an. Während sich die jüngere Generation für Rock'n Roll, Jazz, Blues und die Stars des amerikanischen Films begeisterte, fühlte sich die ältere Generation der amerikanischen Außenpolitik verbunden, die sie mit der Befreiung vom National-Sozialismus, der von Frankfurt aus durchgeführten Berliner Luftbrücke und mit CARE-Paketen assoziierte. Ende der sechziger Jahre kam es zu einem Bruch mit Teilen der jungen Generation: das amerikanischen Engagement im Vietnamkrieg wurden zu einem zentralen Thema der Studentenrevolte gegen die ältere Generation und den westdeutschen Staat. Das Amerika Haus verwandelte sich in den Augen der rebellierenden Studenten von einer Kulturinstitution in ein politisches Symbol und wurde Ziel zahlreicher Protestaktionen. Dabei übernahmen die deutschen Studenten Lieder, Sprache und auch die Protestformen der amerikanischen Bewegung gegen den Vietnamkrieg wie teach-ins, sit-ins und go-ins gegen das Establishment. Am 7. Mai 1967 hielt Max Horkheimer im Amerika Haus die Rede zur Eröffnung der deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche und wurde anschließend von aufgebrachten Studenten in hitzige Diskussionen verwickelt. Horkheimer betonte, daß zwar niemand auch nur einen Augenblick das Furchtbare vergessen solle, was in Vietnam vor sich gehe, erinnerte aber auch an die Tatsache, daß es Amerika und seiner freiheitlichen Tradition zu verdanken sei, daß er hier frei und kritisch reden und diskutieren könne.

Am 6. September des selben Jahres hatte das Amerika Haus wieder prominenten Besuch, als Rudi Dutschke und der Kommunarde Fritz Teufel aus Berlin anreisten. Zusammen mit etwa achtzig Freunden und Genossen vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), unter ihnen auch der SDS-Bundesvorsitzende KD Wolff, stürmten sie eine Podiumsdiksussion zum Thema "Vietnam - reicht das amerikanische Engagement aus?" mit Kurt Wessel, Münchner Merkur, Jens Feddersen, Neue Ruhr-Zeitung, Bernd Nielsen-Stokkeby, ZDF, Hans Gresmann, Die Zeit, Karl-Hermann Flach, Frankfurter Rundschau und Bruce van Voorst, Newsweek. Mit einer nordvietnamesischen Flagge und unter Skandierung von Parolen wie "Ledernacken - Kofferpacken!" und "Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today?" besetzten die Aktivisten die Bühne, zogen aber nach dem Eintreffen der Polizei ohne gewalttätige Zwischenfälle wieder ab, um auf der Eingangstreppe des Gebäudes unter sich weiterzudiskutieren.

In der Folgezeit verliefen Proteste gegen das Amerika Haus weniger friedlich. Im Januar 1969 bot der Lesesaal nach einem schweren Brandanschlag ein Bild der Verwüstung. Bis zum Jahr 1983 wurden über 20 Anschläge auf das Haus verübt, neben zahlreichen Molotowcocktail- und Brandbombenattacken wurden eingeschlagene Scheiben, Bombendrohungen, Stein- und Farbbeutelwürfe, Tritte gegen die Eingangstür, mit Parolen besprühte Wände und in das Türschloß der Eingangstür gespritzter Zement verzeichnet. Die beiden letzten Anschläge 1980 und 1983 gingen von RAF-Sympathisanten aus. Dagegen benutzten die Anhänger der Friedensbewegung, die sich in der Nachrüstungsdebatte zum Teil als sehr amerikafeindlich zeigten, amerikanische Militäreinrichtungen als Protestziele. Für die Schüler und Studenten, die 1992 in Frankfurt gegen den Golfkrieg und die Rolle der USA demonstrierten, stellte das Amerika Haus kein politisches Symbol mehr dar. Die Repräsentanten der 68er-Generation haben mit dem Amerika Haus inzwischen Frieden geschlossen. KD Wolff stellte sich bereitwillig als Referent bei einem Seminar zur Verfügung und auch Daniel Cohn-Bendit, einer der Hauptakteure der Studentenrevolte, nahm Einladungen des Amerika Hauses gerne an. Für ihn ist dieses nun "ein Beitrag zur kulturellen Vielfalt der Stadt".


Die achtziger und neunziger Jahre: Entwicklungen und aktuelle Tendenzen

Die Umwälzungen in Osteuropa und das Ende des Kalten Krieges zogen finanzielle und personelle Einschränkungen für das Amerika Haus Frankfurt nach sich. Statt über vierzig wie in den fünfziger Jahren beschäftigt es nun nur noch elf Angestellte. Dennoch hat sich die Institution nicht von ihrer Devise abbringen lassen, ein möglichst breites Spektrum amerikanischer Kultur und amerikanischen Lebens unter einem Dach zu repräsentieren. Inzwischen erstreckt sich der geographische Aktionsradius sogar auf ganz Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Baden-Württemberg.

In den letzten Jahren reflektierten die Veranstaltungen des Amerika Hauses die tiefgreifenden Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft und Kultur. Frauen und ethnische Minderheiten brachen die traditionellen Strukturen in Politik, Wirtschaft und den Universitäten auf und errangen Akzeptanz und Legitimität in nicht gekanntem Ausmaß. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Toni Morrison im Jahr 1993 zeigte schließlich eine internationale Anerkennung dieser Entwicklung. Neben prominenten amerikanischen Intellektuellen und Schriftstellern wie Joyce Carol Oates, Neil Postman, Susan Sontag und Gore Vidal stellte das Amerika Haus eine wachsende Zahl indianischer, afro-amerikanischer, hispano-amerikanischer und feministischer Repräsentanten aus Literatur, Musik, Malerei und Film dem Frankfurter Publikum vor. Die Vielfalt ethnischer und regionaler Kulturen in den USA, die sich auch in den zahlreichen Seminaren und Vorträgen niederschlug, hat in einer Stadt wie Frankfurt eine starke Aktualität gewonnen. Denn nicht nur durch ihren multikulturellen Charakter, sondern auch in ihrem äußeren Erscheinungsbild gilt Frankfurt als die amerikanischste Stadt Deutschlands.

Der seit einigen Jahren hervorgehobene Stellenwert des Bereiches Wirtschafts in der Arbeit des Amerika Hauses spiegelt die Stellung der Stadt als internationales Wirtschafts- und Finanzzentrum wider. Während sich die Programmaktivitäten verstärkt auf Vorträge, Diskussionen und Konferenzen zu Themen wie Handel, Währung, Industrie und Technologie erstrecken - bisheriger Höhepunkt war im November 1995 eine internationale Fachkonferenz zur Zukunft des Elektroautos im Rahmen der Reihe "Future Works" - hat sich 1995 die traditionsreiche American Library in das Informationszentrum Information USA mit einem Schwerpunkt im Bereich Wirtschaft verwandelt. "Das Papierzeitalter geht bei uns zu Ende", stellte die Bibliotheksleiterin in einem Zeitungsinterview ohne Zögern fest. CD-ROMs und Datenbanken haben die meisten der Bücher und Zeitschriften aus den Regalen verdrängt. On-line-Computernetzwerke und Satellitenschaltungen sind die neuen Mittel der Kommunikation und Information. Das neue Konzept von Information USA gliedert sich in drei Sparten : Der Reference Service stellt neben Nachschlagewerken und Zeitschriften modernste elektronische Informationsquellen zu aktuellen Themen amerikanischer Politik, Kultur und Gesellschaft zur Verfügung. Das Business Information Center, das im Januar 1994 von Botschafter Richard Holbrooke eröffnet wurde, hält eine Fülle von aktuellen und Hintergrundinformationen zur amerikanischen Wirtschaft bereit. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Wirtschaftseinrichtungen unterstützen Veranstaltungen zu wirtschaftspolitischen Fragen deutsch-amerikanische Geschäftsbeziehungen.
Die Infothek Study in the USA bietet umfassendes Informationsmaterial, Veranstaltungen und persönliche Beratung für Interessenten, die einen Studienaufenthalt in den USA planen. Damit wird eine schon 1947 begonnene Austauscharbeit fortgeführt, die, von der Fulbright-Kommission unterstützt, auch Informationen über Stipendienmöglichkeiten für das Studium in den USA umfaßt. Darüber hinaus ist das Amerika Haus zusammen mit der USIA, seiner Zentralstelle in Washington, der verantwortliche Koordinator für Informationsreisen, die Experten unterschiedlicher Fachrichtungen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens einen individuell gestalteten Aufenthalt in den Vereinigten Staaten ermöglichen.

Im Jahr 1995 wurde dem Amerika Haus Frankfurt zusammen mit den Amerika Häusern in München, Stuttgart, Hannover, Köln, Leipzig, Hamburg und Berlin der Leo M. Goodman Award der American Chamber of Commerce in Germany verliehen. In diesem Preis für "outstanding contributions to advancing German-American relations" wurden nicht nur fünfzig Jahre kontinuierliche Arbeit gewürdigt, sondern auch der Blick auf Gegenwart und Zukunft gerichtet, insbesondere die Einführung der Business Information Centers und deren Vorreiterrolle im Bereich von Wirtschaft und Informationstechnologie.

Die Amerika Häuser in Deutschland und unter ihnen besonders das Amerika Haus Frankfurt als das älteste verkörpern "one of the great untold success stories of U.S.-foreign relations", wie ein ehemaliger Mitarbeiter heute formuliert. Während seiner fünfzigjährigen Geschichte reflektierte das Amerika Haus Frankfurt die besonderen historischen und aktuellen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland. Die Frühzeit war bestimmt von der erfolgreichen Arbeit im Rahmen der Re-education und von der fast grenzenlosen Amerikabegeisterung des deutschen Publikums. Ein U.S.-Report konnte die Amerika Häuser im Jahr 1953 daher als "a unique phenomenon in the relationship between victor and vanquished" bezeichnen. In den späten sechziger Jahren gingen große Teile der Studentengeneration auf kritische Distanz zu dem "großen Bruder" und dem Amerika Haus. Bei der heutigen jungen Generation hat sich schließlich eine nüchterne und vergleichsweise emtionslose Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten und dem Amerika Haus durchgesetzt. Vom einstigen Wunderland, zu dem man aufschauen konnte und wollte, ist Amerika zu einem selbstverständlichen Partner Deutschlands geworden. Der Einfluß der amerikanisch geprägten global culture ist im deutschen Alltag eine solche Selbstverständlichkeit geworden, daß der ursprüngliche Pioniercharakter des Amerika Hauses leicht in Vergessenheit gerät.

"Was bedeutet die USA für mich?" fragte im Jahr 1995 das Amerika Haus zusammen mit dem Dezernat für Schule und Bildung in einem Aufsatzwettbewerb die Frankfurter Schüler. Deutlicher als viele andere Dokumente bestätigen die eingesandten Arbeiten den selbstverständlichen Umgang der Deutschen mit Amerika. Die sechzehnjährige Gewinnerin des Wettbewerbs rekapitulierte die Rolle der USA nach dem Krieg. Ohne die westlichen Alliierten und insbesondere die Vereinigten Staaten "wäre Deutschland nie zu einem demokratischen Staat geworden, in dem der Individualismus, die Presse- und Meinungsfreiheit so stark geprägt sind." Sie ließ den Einfluß der amerikanischen Kultur, von John Ford über Elvis Presley und Roy Lichtenstein, Revue passieren, und zog in einem ironischen Understatement das Fazit: "Man könnte neigen zu sagen, die ‘Amis' haben mehr als nur Kaugummi nach Deutschland gebracht."

Astrid Kiessling, Alexander Leicht
[Wichtiger Hinweis: Dieser Text wurde dem Katalog (Alle Rechte vorbehalten - © Amerika Haus Frankfurt) zur gleichnamigen Ausstellung im Amerika Haus Frankfurt vom 23. Mai bis 12. Juli 1996 entnommen. Er spiegelt den Entwicklungsstand des Jahres 1996 wieder.]


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